Alice Thinschmidt

Auf Details konzentriert

 

(Bilder: Alice Thinschmidt und Daniel Böswirth)


Die österreichische Fachbuchautorin und Fotografin Alice Thinschmidt, die zudem ein Gartenbau-Studium in Wien absolvierte, ist mit dem Thema Garten eng verbunden. Gemeinsam mit ihrem Partner Daniel Böswirth hat sie eine erfolgreiche Kreativwerkstatt mit einem umfangreichen Garten-Bildarchiv aufgebaut. Was ihr an ihrer Arbeit so viel Freude bereitet, wie sie Pflanzen in Szene setzt, darüber spricht sie mit uns. Alice Thinschmidt gibt viele Technik-Tipps, damit auch Dir erstklassige Aufnahmen von Deinem Garten gelingen.

 

quucy: Was fasziniert Sie speziell an der Fotografie von Gärten und Pflanzen?

Alice Thinschmidt: Ich komme aus der Gartengestaltung und bin daher seit vielen Jahren mit dem Thema Garten verbunden. Das Fachwissen einerseits und das Interesse an Pflanzen andererseits machen die Gartenfotografie für mich zu einer idealen Schnittmenge. Die praktische Arbeit im Bereich Gartengestaltung war nicht das, was mich auf Dauer faszinierte, aber das Schreiben über und Fotografieren von Gärten beschäftigt mich nun schon seit eineinhalb Jahrzehnten, genau wie meinen Mann, mit dem ich unser Archiv www.gartenfoto.at aufgebaut habe und daraus publiziere. Wir arbeiten bei Buchprojekten ganz konkret zusammen, ansonsten aber eher parallel.

quucy: Wo liegen besondere Herausforderungen im Bereich der Naturfotografie?

Alice Thinschmidt: Die größte Herausforderung ist stets das Wetter. Wenn das nicht mitspielt, dann kann die ganze Gartentour oder gar eine Reise umsonst sein. Wobei man sagen muss, dass landläufig „schlechte“ Verhältnisse sehr gute Bilder hervorbringen können. Ein bedeckter Himmel bringt schönere Farben bei Blüten und Laub hervor als volle Sonne unterm blauen Himmel – aber das hängt ganz vom Motiv ab oder etwa davon, ob Makros oder Übersichten gefragt sind.

quucy: Was macht denn für Sie ein erstklassiges Garten- bzw. Pflanzenbild aus?

Alice Thinschmidt: Das Licht! Besonders gelungene Fotos fangen eine ganz besondere Stimmung ein. Ob selektive Schärfe oder scharf von vorne bis hinten ist Geschmackssache und wohl auch ein bisschen von Moden abhängig.

quucy: Sie sprechen Moden in der Fotografie an: Was ist charakteristisch für Ihre Bilder?

Alice Thinschmidt: Ich bin weniger einem Stil verpflichtet, sondern versuche den Garten eher dokumentarisch einzufangen, das aber mit möglichst viel Pepp. Meist arbeite ich mit viel Tiefenschärfe, bin daher fast immer mit Stativ unterwegs und fotografiere, wenn der Wind es zulässt, mit möglichst langen Verschlusszeiten und kleiner Blende. Bilder mit selektiver Schärfe, wo nur die wichtigsten Inhalte im Fokus sind, mache ich eher selten, es sei denn, das hebt ein Motiv besonders hervor und steigert dessen Wirkung. Daher fotografiere ich selten aus der Hand, mache aber bei jedem Garten auch ein paar solche Aufnahmen, als Ergänzung. Wobei man aber dazusagen sollte, dass ich fast keine Gartenreportagen mache, sondern nur fürs Archiv produziere, aus dem wir dann publizieren, großteils in eigenen Büchern und Artikeln. Soll ein Garten in seiner Gesamtheit dargestellt werden, so spielen die Perspektiven und Sichtachsen eine größere Rolle. Ich konzentriere mich sehr oft mehr auf die Details, die ich in einem Garten finde: eine schöne Treppe, eine blühende Hecke, der Schwimmteich, ein interessantes Gefäß. Selbst in Gärten gelingen sehr schöne Fotos, die eigentlich nicht so toll sind.


 

quucy: Ganz konkret gefragt: Wie setzen Sie Pflanzen in Szene?

Alice Thinschmidt: Es ist immer von Vorteil, wenn man ein Motiv mit verschiedenen Einstellungen aufnimmt. Vielleicht ist ja beides brauchbar: ein Makro und dann eine Übersicht, wo man die Pflanze im Kontext des Gartens sieht. Also nicht faul sein und ein anderes Objektiv verwenden. Auch das Hochformat sollte man nicht vergessen. Fast immer wird automatisch im Querformat aufgenommen. Für ganzseitige Titelbilder sind aber auch immer wieder Hochformate gefragt. Auch verschiedene Blendeneinstellungen ausprobieren lohnt sich, um mit der Schärfe zu experimentieren. Dabei sollte man aber immer gleich bei der Aufnahme überprüfen, ob die Tiefenschärfe ausreichend ist. Ein halb scharfes Makro ist kaum brauchbar.

Sehr attraktiv sind Diagonalen. Ein Pflaster aus Stein etwa wird spannend, wenn man die Linien, die sich aus dem Fugenmuster ergeben, diagonal im Bild verlaufen lässt. Parallel zum Rand sieht das gleiche Steinpflaster langweilig aus.

Eine zentrale Entscheidung ist auch, ob der Hintergrund wichtig ist oder nicht. Wenn nicht oder wenn er sogar störend ist, dann kann er durch selektive Schärfe (offene Blende) oder auch einen Standortwechsel leicht verändert werden. Oft reicht ein halber Meter und der Hintergrund passt dann perfekt. Generell gilt: Zeit nehmen für ein Foto, mehrere Varianten ausprobieren, Standort wechseln, Filter verwenden, mit der Blende experimentieren. Oft kommt man erst nach ein paar Aufnahmen vom selben Motiv auf die zündende Idee, und das Bild wird etwas ganz Besonderes. Gute Aufnahmen im Bereich Garten sind sehr oft jene, die viel Aufwand erforderten, zum Glück aber nicht nur.

quucy: Welches Licht eignet sich am besten zum Fotografieren von Gärten, welche Objektive und welche weiteren Hilfsmittel setzen Sie am liebsten ein?

Alice Thinschmidt: Am besten ist ein mit dünnen weißen Wolken bedeckter Himmel an einem sonnigen Tag. Das Licht ist weich und hell, aber die gerade noch verdeckte Sonne wirft keine Schatten. Das minimiert die Kontraste und bringt die meisten Farben zum Leuchten. Aber solche Verhältnisse sind natürlich selten – die Kunst bei der Gartenfotografie ist eigentlich, unter (fast) allen Bedingungen gute Fotos zu machen.

Ich fotografiere mit Spiegelreflexkamera und verschiedenen Festbrennweiten wegen ihrer fantastischen Schärfe: von Weitwinkel bis Tele. Das Tele kommt zum Einsatz, wenn Teile des Gartens sonst nicht zugänglich sind oder wenn eine Gartenszene bewusst verdichtet werden soll: Die einzelnen Ebenen schieben sich optisch zusammen und komprimieren etwa ein Blumenbeet sehr effektvoll, was durch die geringere Tiefenschärfe noch unterstrichen wird.

Anders spektakulär ist unser 21er-Weitwinkel: Es braucht ein Objekt im Vordergrund, etwa eine einzelne Pflanze auf einer Wiese oder eine Einzelblüte auf einem Strauch. Mit dem Weitwinkel kann man ganz nah herangehen und bekommt aber auch noch den Hintergrund scharf drauf. Der vergrößerte Vordergrund bringt eine unglaubliche Dynamik ins Bild, solche Fotos sind immer Eyecatcher und machen eine eher durchschnittliche Szene plötzlich interessant. Achtung aber auf stürzende Linien: Hauskanten oder andere Fluchten werden stark verzerrt, das kann auch zuviel werden!

Makro-Objektive sind unverzichtbar, wenn es um Nahaufnahmen von Blüten oder Tieren oder anderen Details geht. Hier sollte man unbedingt auf gute Qualität achten, also möglichst hohe Lichtstärke und gute Abbildungsqualität im Nahbereich, denn ein Makro lebt von möglichst großer Schärfe (je kleiner das Objekt desto wichtiger). Wenn jedes Härchen auf einem Stängel im Gegenlicht scharf aufleuchtet oder eine Blütenaufnahme wie zum Anbeißen aussieht, dann ist ein Makro gelungen. Damit kann man immer überraschen und beeindrucken. Denn selten gehen Leute so nah an Pflanzen oder Tiere heran. Selbst gewöhnliche Gewächse werden in einem Makro exotisch.

Bis auf das Zoomobjektiv 80-200 arbeite ich mit Festbrennweiten, das heißt ich wechsle sehr häufig das Objektiv und nehme ein Motiv auch mit verschiedenen Brennweiten auf. Das ist manchmal ganz schön lästig, abschrauben, verstauen, anderes raufschrauben, aber das bringt´s – und im Garten spielt Zeit keine so große Rolle, die Pflanzen rennen schließlich nicht davon. Hier sollte man also alles Mögliche ausprobieren.


Abgesehen vom schon erwähnten Stativ verwende ich Reflektoren, um Schatten aufzuhellen. Außerdem löse ich immer mit Fernauslöser aus, das verhindert Verwacklungen und macht mich räumlich etwas unabhängiger von der Kamera, gut, wenn man noch einen Reflektor halten muss und gleichzeitig noch einen Ast zur Seite biegt.

Und nicht zuletzt die Filter: Der wichtigste ist der Polfilter, ohne Pol wird ein Foto in voller Sonne, vor allem im Sommer, in den Farben fahl. Andere Filter verwende ich nur bei Spezialaufnahmen, einzig der Grau-Verlaufsfilter ist hilfreich, wenn ein fader, weißer Himmel das Bild beherrscht.

quucy: Zum Abschluss: Was sind Projekte, an denen Sie aktuell arbeiten?

Alice Thinschmidt: Im Moment ist Hochsaison für GärtnerInnen und daher auch für GartenfotografInnen. Was jetzt nicht fotografiert, muss wieder ein Jahr warten. Daher liegt mein Fokus darzeit ganz auf dem Fotografieren und Arbeiten an unserem Fotoarchiv. Im Herbst und Winter ist die ideale Zeit, um weitere Bücher zu schreiben, obwohl auch dann wunderbare Fotos gelingen. Die Nachbearbeitung, Verschlagwortung und Archivierung der Bilder ist ein riesiger, arbeitsintensiver Teil unseres Berufes, eine Tatsache, die man gerne unterschätzt.

quucy: Vielen Dank für das Gespräch, Frau Thinschmidt. Wir wünschen viel Erfolg beim weiteren Ausbau Ihres Gartenarchivs und allen anderen anstehenden Projekten.

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HOMEPAGE

Das umfangreiche Bildarchiv von Alice Thinschmidt und Daniel Böswirth findest Du unter: www.gartenfoto.at

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